„Es war einfach eine normale, schöne Jugendreise“

17 junge Menschen aus Berlin und Athen verbringen eine Woche miteinander, treiben Para Sport, entdecken Berlin und feiern gemeinsam. Für die GSJ ist „United in Motion – Para Sport erleben“ zugleich ein praktischer Schritt auf dem Weg zu einer stärker inklusiven Organisation.
Am Samstagabend steht Christos vor der Gruppe und singt griechische Lieder. Die anderen hören zu, klatschen, einige singen mit. Dann beginnt jemand zu tanzen. Erst wenige, dann immer mehr. Schließlich tanzt die ganze Gruppe Sirtaki.
Später läuft Musik aus Berlin. Die Jugendlichen aus Athen kennen Culcha Candela nicht. Sie tanzen trotzdem mit.
Es ist der letzte Abend von „United in Motion – Para Sport erleben“. 17 junge Menschen aus Berlin und Athen, viele kannten sich vorher nicht, haben eine Woche miteinander verbracht: Sport getrieben, Berlin erkundet, gespielt, gegessen und gefeiert. Für das Abschlussfest haben sie gemeinsam Salate vorbereitet, gegrillt, aufgebaut und später wieder aufgeräumt.
Auf die Frage, was er im Vorfeld erwartet hat, erzählt Oskar, 16, dass er sich einen Austausch vorgestellt hatte, bei dem Inklusion offensichtlicher im Mittelpunkt steht. Tatsächlich erlebte er die Woche anders:
„Es ist meiner Meinung nach kein klassischer Inklusionsaustausch, sondern einfach eine normale, schöne Jugendreise mit Jugendlichen aus Europa, aus Griechenland und Deutschland. Das gibt ein sehr lockeres Gefühl und kein Gefühl, dass es jetzt Leute gibt, die hier anders sind als wir, sondern dass wir auf einer sehr gleichen Ebene stehen.“
Vielleicht erzählt dieser Satz am meisten darüber, was in dieser Woche passiert ist. Die Jugendlichen haben nicht ständig darüber nachgedacht, wer welche Voraussetzungen mitbringt. Sie waren gemeinsam unterwegs, haben Sport gemacht, gelacht und gefeiert. Aus einzelnen Jugendlichen aus Berlin und Athen wurde eine Gruppe.
Para Sport treiben, Neues ausprobieren
„United in Motion“ ist ein deutsch-griechischer Jugendaustausch der GSJ und der Athener Organisation IONAS. Die Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren lernen sich kennen und probieren gemeinsam verschiedene Sportarten aus. Die Erfahrungen aus dem Projekt sollen zugleich in die Weiterentwicklung inklusiver Bildungs- und Bewegungsangebote der GSJ einfließen.
In Berlin stand deshalb viel Bewegung auf dem Programm. Die Gruppe fuhr in Kooperation mit Blau-Weiß Tegel inklusives Kanu, spielte bei ALBA Berlin Rollstuhlbasketball und probierte Bogenschießen beim TSV Spandau aus. Mareike, selbst Teilnehmerin des Austauschs, leitete das Angebot an. Beim inklusiven Tischtennis lernte die Gruppe Ping Pong Parkinson kennen. Beim Unified Flag Football arbeitete die GSJ mit dem Berlin-Brandenburgischen Football-Verband und Special Olympics Berlin zusammen.
Dazwischen ging es durch Berlin: zur East Side Gallery, vom Alex bis zum Brandenburger Tor und zum Reichstagsgebäude, in den Volkspark Humboldthain und immer wieder zurück zu Spielen und Gesprächen.



Für Oskar wurde das Rollstuhlbasketballspiel zum Höhepunkt der Woche. Basketball kennt er. Im Rollstuhl funktioniert das Spiel trotzdem plötzlich anders.
„Das hat so viel Spaß gemacht und es war so viel Action, aber halt nicht diese schnelle Action, sondern schnelle Action mit sehr viel Denken auch. Beim Sport ist es oftmals sehr intuitiv. Man macht das einfach, man hat es schnell drin. Und da musste man sehr viel nachdenken und überlegen, wie man es macht.“
Bewegungen, die beim Sport sonst fast automatisch ablaufen, müssen neu gedacht werden. Den Ball gleichzeitig zu dribbeln und sich fortzubewegen funktioniert nicht wie gewohnt. Und an den Tagen danach war die ungewohnte Belastung noch bemerkbar. Juke erzählt:
„Zwei, drei Tage danach habe ich echt gemerkt, dass wir echt krasse Muskeln haben. Ich dachte, mein ganzer Rücken ist für die ganze Woche kaputt. Dann habe ich erst gemerkt, dass es nur Muskelkater war. Sowas hab ich noch nicht erlebt.“
Aus Fremden wird eine Gruppe
Die Begegnungen entstanden weniger in geplanten Gesprächsrunden als nebenbei: beim Currywurstessen im Olympiastadion, in der U-Bahn, beim Warten auf den nächsten Termin. Oder in Gesprächen über Schule, Arbeit, Essen oder das Leben in Athen und Berlin.
„Da haben wir wirklich unterbewusst immer wieder was mitbekommen. Das ist einfach entstanden in Gesprächen.“
Die Jugendlichen bemerkten Unterschiede. Die griechische Gruppe ging mit Zeit anders um, fanden Oskar und Juke. Treffen um halb drei bedeutete nicht unbedingt, dass alle um halb drei da waren. Am Anfang irritierte das, später fanden die beiden auch etwas Angenehmes daran. Oskar beobachtete:
„Die machen alles mit Ruhe. Sehr viel lockerer, entspannter. Das ist eine ganz andere Atmosphäre, die auch ihre Vorteile hat und natürlich ihre Nachteile, aber es ist halt eine wirklich tolle Atmosphäre.“
Auch in der U-Bahn bemerkte Juke, wie die griechischen Teilnehmenden miteinander umgingen:
„Die waren nie irgendwie so, dass jeder für sich gesessen hat, sondern man hat richtig gemerkt, dass es in Griechenland vielleicht noch mal die Gesellschaft so ein bisschen anders ist, wie man untereinander umgeht.“
Oskar ergänzt: „Lockerer, offener.“
Eine U-Bahn-Fahrt als Höhepunkt
Für Juke war eine ganz unspektakuläre Situation einer der schönsten Momente der Woche. Es war spät, die Gruppe kam gerade aus Kreuzberg zurück. Die Jugendlichen standen gemeinsam in der U-Bahn, machten Witze und lachten.
„Wir waren wirklich alle zusammen, haben da gestanden, haben Witze gemacht und es wurde die ganze Zeit gelacht. Da gab es keinen Unterschied.“
Oskar erinnert sich ebenfalls an diese Rückfahrt:
„Das war wirklich, wir waren halt eine Truppe. Wir waren aufgeladen voller Energie, weil wir gerade aus Kreuzberg kamen, da gegessen haben. Und das war so eine sehr schöne Atmosphäre.“
Man wächst rein
Ganz ohne Anpassung ging es nicht. Oskar merkte, dass seine Art von Humor nicht in jeder Situation funktionierte. Mit Juke redet er, wie er selbst sagt, „sehr viel Müll“. Bei anderen müsse er genauer überlegen, wie seine Worte ankommen.
„Da muss man halt aufpassen und dann ist es aber auch ein lockeres und gutes Gespräch.“
Auch im Alltag bemerkte Juke Dinge, über die er vorher nicht nachgedacht hatte. Wenn Antonis im Rollstuhl mit der Gruppe unterwegs war, musste sie andere Wege nehmen.
„Wir steigen jetzt aus der Bahn, wir nehmen jetzt nicht die Treppen rechts, sondern da hinten ist der Fahrstuhl. Wir gehen jetzt schon mal hoch und dann treffen wir uns da.“
Es sind kleine Dinge, die Juke während der Woche bemerkte. Und irgendwann wurden sie selbstverständlich.
„Ja, genau, man wächst rein und es geht ganz schnell.“
Auch Christos nahm Juke irgendwann anders wahr. Er hörte viel Musik, lief mit seiner Musikbox herum, sang und tanzte. Für jemanden, der ihn nur kurz auf der Straße gesehen hätte, hätte dieses Verhalten vielleicht befremdlich wirken können. Juke beschreibt, was sich durch das gemeinsame Erleben verändert:
„Wenn man halt mit dabei ist und das so ein bisschen checkt hinter den Kulissen, sag ich mal, dann nimmt man das anders wahr.“



„Ich wollte wissen, ob ich das kann“
Eva, 19, ist aus Athen nach Berlin gekommen. Sie studiert Psychologie und kann sich vorstellen, später mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, die besondere Unterstützung brauchen. Deshalb hatte sie vor der Reise eine persönliche Frage: Traut sie sich eine solche Arbeit zu? Die Woche sollte ihr helfen, das herauszufinden.
Daneben wollte sie natürlich Berlin kennenlernen, Sport machen und neue Menschen treffen. Das ist passiert. Sie hat Freundschaften geschlossen und viele gemeinsame Aktivitäten erlebt. Was sie vor allem mitnimmt, ist die Erfahrung, offen auf Menschen zuzugehen.
„It’s so nice to be open minded and be open to your friendships.“
Und noch etwas hat sie sich vorgenommen: wieder mehr Sport zu machen. Die Woche habe sie daran erinnert, wie viel Freude es machen kann, gemeinsam aktiv zu sein.
Christos wollte noch mehr
Christos aus Athen, 20 hat die Woche nicht nur mitgemacht, er hat sie am Ende selbst mitgestaltet. Beim Abschlussabend steht er auf der Bühne und singt. Die anderen Jugendlichen hören ihm zu, singen mit und tanzen schließlich zu seiner Musik.
Auf die Frage nach seinem schönsten Erlebnis nannte Christos nicht eine bestimmte Sportart oder einen Ausflug. Er sagte, dass er zum ersten Mal Freunde gefunden habe. Menschen, die ihn akzeptierten und ihn nicht mobbten.
Und als es darum ging, was er sich für die Woche noch gewünscht hätte, war seine Antwort schlicht: „Noch mehr Aktivitäten.“
Was diese Woche mit der GSJ macht
Für die Jugendlichen endet die Berliner Woche mit einem Abschiedsfest. Für die GSJ stellt sich damit eine andere Frage: Was braucht es, damit eine solche Woche funktioniert?
Amira, die den Austausch auf Berliner Seite organisiert hat, beschreibt vor allem die Vorbereitung als aufwändig. Die Gruppe muss zusammenkommen, die Sportangebote müssen passen, Wege und Betreuung müssen organisiert werden. Unterschiedliche Voraussetzungen müssen mitgedacht werden.
Aber dann passiert etwas, das sich nicht vollständig planen lässt. Die Jugendlichen kommen zusammen, machen Sport miteinander, entwickeln ihre eigenen Gespräche, übernehmen Aufgaben, organisieren eine Party. Der Rahmen muss stimmen. Innerhalb dieses Rahmens kann die Gruppe vieles selbst entwickeln.
Das ist eine Erfahrung, die über diesen Austausch hinausweist. Denn auch in der täglichen Arbeit der GSJ stellt sich die Frage nicht nur, ob ein Angebot theoretisch offen für unterschiedliche Jugendliche ist. Entscheidend ist, ob sie tatsächlich teilnehmen können, ob sie von dem Angebot erfahren, ob sie sich angesprochen fühlen und ob die Bedingungen dafür stimmen.
Nicht bei null anfangen
Inklusion ist bei der GSJ nicht neu. Sie steht seit Jahren im Leitbild und in den Inklusionsleitlinien der Organisation. In den Projekten gibt es Erfahrungen mit inklusiven Sportangeboten und Kooperationen mit Vereinen und Verbänden. „United in Motion“ setzt deshalb nicht bei null an – die Erfahrung aus dieser Woche macht vielmehr sichtbar, was bereits funktioniert, und wo die nächsten Fragen liegen: Wie erreichen wir Jugendliche, die unsere Angebote bisher nicht nutzen? Was können Projekte voneinander lernen? Wie können Kooperationen mit dem Para Sport stärker in die alltägliche Arbeit einfließen, und wie machen wir Angebote, die bereits inklusiv arbeiten, innerhalb und außerhalb der GSJ sichtbarer?
Dabei geht es nicht darum, aus jedem Angebot ein spezielles Inklusionsprojekt zu machen. Es geht darum, Inklusion im normalen Alltag der GSJ mitzudenken – und genauer hinzusehen, was in einzelnen Projekten bereits funktioniert, was andere Bereiche davon übernehmen können und wo noch Barrieren bestehen.
Einfach anfangen
Eine Erkenntnis aus dem Austausch klingt zunächst fast zu schlicht: Man muss anfangen. Nicht jede Situation lässt sich vorher planen, nicht jede Frage lässt sich im Vorfeld beantworten. Und ein Angebot muss nicht perfekt sein, bevor Jugendliche gemeinsam loslegen können. Man kann ausprobieren, beobachten, nachfragen, etwas verändern, beim nächsten Mal anders machen.
Amira hat genau das in dieser Woche erlebt: Vieles, was vorher aufwändig und kompliziert erschien, wurde im gemeinsamen Tun selbstverständlich.
Das bedeutet nicht, dass inklusive Arbeit ohne Fachwissen oder Vorbereitung auskommt. Im Gegenteil, der Rahmen muss stimmen. Aber danach braucht es auch Raum für das, was die Jugendlichen selbst daraus machen. Juke formuliert es aus seiner Erfahrung heraus erstaunlich direkt:
„Ja, auf jeden Fall kann Inklusion funktionieren. Wenn man sich eben auch darauf einlässt, so wie bei den Sportarten. Wenn die Leute halt alle gewissermaßen Bock drauf haben, auch wenn jetzt einer unbedingt gewinnen will oder Spaß haben will: Wenn man einfach das Spiel zusammenspielt, dann kann es auf jeden Fall funktionieren.“
Die GSJ möchte Inklusion dabei stärker als Teil ihrer eigenen Arbeit und auch ihrer öffentlichen Wahrnehmung zeigen. Nicht als Etikett für ein einzelnes Projekt, sondern als Teil dessen, wie die Organisation mit Kindern und Jugendlichen arbeitet.
„United in Motion“ liefert dafür keine fertige Antwort. Aber eine konkrete Erfahrung: Wenn die Bedingungen stimmen, kann aus 17 Jugendlichen, die sich kaum kennen, innerhalb weniger Tage eine Gruppe werden. Und dann braucht es manchmal nicht mehr viel. Eine Gitarre oder eine Musikbox. Ein Lied. Und irgendwann tanzen alle.




Im Herbst geht es nach Athen
Die Gruppe wird sich wiedersehen. In den Herbstferien geht es für eine Woche nach Athen. Juke nimmt etwas von der Gelassenheit der griechischen Jugendlichen mit. Oskar möchte bewusster darauf achten, wie er mit anderen Menschen kommuniziert. Eva fährt mit neuen Freundschaften und dem Gefühl zurück, sich eine spätere Arbeit mit dieser Zielgruppe eher vorstellen zu können. Und Christos hätte gerne noch mehr gemacht.
Ein guter Ausgangspunkt für die nächste Woche: nicht alles vorher wissen, nicht alles vorher festlegen. Den Rahmen schaffen. Und dann machen.
Fotos: J. Engler, GSJ
Tags:IB, Inklusion, Para Sport




